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Jeder kennt’s, keiner macht’s: das perfekte Arbeitszeitmodell

Als Arbeitnehmer:in hat man oft keine Wahl in Bezug auf die eigene Arbeitszeit und muss die 40-Stunden-Woche akzeptieren. Falls es doch die Möglichkeit gibt, 30 oder 35 Stunden zu arbeiten, dann nur mit einer entsprechenden Kürzung des Gehalts, sodass der Stundenlohn gleich bleibt. Dabei kommt es doch gar nicht auf die abgeleistete Zeit, sondern auf die Arbeitsergebnisse an. Zu viele Unternehmen haben das aber immer noch nicht verstanden.

Das frustriert nicht nur mich. Die Mehrheit der Deutschen würde gerne weniger Zeit auf der Arbeit verbringen bei vollem Lohnausgleich, um mehr Zeit für Freundschaften, Familie und private Projekte zu haben. Erneut entfacht wurde die Diskussion über moderne Arbeitsmodelle natürlich durch das kürzlich eingeführte (leider unsinnig umgesetzte) Recht auf eine 4-Tage-Woche in Belgien.

40 Stunden an 4 Tagen nach deutschem Arbeitsrecht schwierig

Das Belgische Modell ermöglicht es den Belgier:innen, ihre Arbeitszeit an 4 statt 5 Tagen abzuleisten, unter Beibehaltung des 38-Stunden-Pensums. Ein solches Modell ist in Deutschland unter dem aktuellen Arbeitsrecht und der 40-Stunden-Woche schwierig umzusetzen. Zwar wäre es möglich, 10 Stunden am Tag zu arbeiten, allerdings wäre jede Minute darüber hinaus bereits ein Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz, wie das Handelsblatt in einem Artikel zur 4-Tage-Woche erläutert. 

Weniger Zeit auf Arbeit senkt nicht die Produktivität – sondern steigert sie

Das Belgische Modell ist hier also schwierig umzusetzen. Es ist aber vor allem auch keine gute Idee. Wenn ich nach 4 x 9,5 oder sogar 10 Stunden Arbeit völlig fertig bin, brauche ich den zusätzlichen freien Tag vermutlich zur Regeneration und gewinne durch meine 4-Tage-Woche überhaupt nichts.

Anders sähe es hingegen bei einer 4-Tage-Woche unter Beibehaltung der 8 Stunden Arbeitszeit pro Tag aus. Da Produktivität und Arbeitszeit korrelieren und Länder mit durchschnittlich weniger Arbeitsstunden eine höhere Produktivität pro Stunde aufweisen, verlieren Unternehmen bei einem solchen Modell nichts. Der Output bleibt weitestgehend gleich oder steigert sich sogar, weil die Mitarbeitenden durch ihre bessere Work-Life-Balance zufriedener, ausgeglichener und motivierter sind.

Das perfekte Arbeitszeitmodell – bitte, gern geschehen

Ladies, Gentlemen und alle anderen: Ich präsentiere mein perfektes Arbeitszeitmodell, dass ich mir für alle Mitarbeitenden mit „Bürojob“ wünsche – natürlich bei voller Bezahlung:

example working time schedule

Wir sehen in dieser beispielhaften Darstellung die Arbeitszeit einer Person, die sich für den Montag als freien Tag entschieden hat. Der Freitag wäre stattdessen genauso möglich. Die Arbeitszeit beträgt 30 Stunden pro Woche, die mit einem vollen Gehalt entlohnt werden.

Statt täglich 7,5 Stunden arbeitet unsere Beispiel-Person lieber 8 und Freitags dafür nur 6 Stunden. Ebenfalls möglich ist es, 5 Tage jeweils 6 Stunden zu arbeiten, allerdings müssen Termine bis 15 Uhr wahrgenommen werden, sodass man dann tatsächlich etwas weniger frei in der Arbeitszeitgestaltung ist.

Das perfekte Arbeitszeitmodell im Detail:

  • Arbeitsbeginn: Der Arbeitsbeginn kann selbst bestimmt werden, muss aber spätestens mit Beginn der Kernarbeitszeit um 10 Uhr erfolgen. Mit dieser Flexibilität kommen sowohl „Eulen“ als auch „Lärchen“ prima zurecht.
  • Kernarbeitszeit: In Dunkelgrün ist die Kernarbeitszeit eingezeichnet, in der Meetings ohne gesonderte Absprache eingestellt werden und die Erreichbarkeit der Mitarbeitenden erwartet werden kann (mit Ausnahme natürlich der Mittagspause). Sie beträgt 5 Stunden von Dienstag bis Donnerstag, sodass die Mitarbeitenden ihren freien Tag auf Montags oder Freitags legen können. Dadurch ist eine flexiblere Freizeitgestaltung möglich und der Einklang zwischen Familie und Beruf gelingt besser.
  • Freier Tag: Der freie Tag kann entweder Montags oder Freitags (oder auch gar nicht) genommen werden. Aus diesem Grund herrscht an Montagen und Freitagen Meeting-Verbot, um einerseits die Mitarbeitenden an ihrem freien Tag in Ruhe zu lassen und andererseits zusammenhängende Zeit für produktive Arbeit zu ermöglichen.
  • Mittagspause: Die Mittagspause kann selbst festgelegt werden, muss aber zwingend genommen werden. Sie dient der Stärkung und Erholung, um auch im Nachmittagsbereich noch volle Leistung zu bringen.
  • Arbeitsende: Das Ende der Arbeitszeit richtet sich nach dem Zeitpunkt des Erreichens der täglichen Arbeitszeit. Da allerdings insgesamt nur 30 Stunden gearbeitet wird, kann die Arbeit an einem Tag nach 6 statt 8 Stunden oder an allen 4 Tagen nach 7,5 Stunden beendet werden. 
  • Überstunden: Überstunden dürfen nur in Ausnahmefällen und maximal 4 Tage hintereinander genommen werden und müssen an die Führungskraft gemeldet oder selbstständig in der gleichen oder folgenden Woche ausgeglichen werden.

Die Vorteile des Modells

Die Vorteile des beschriebenen Modells liegen auf der Hand:

  • Die sehr ausgewogene Work-Life-Balance stärkt das Wohlbefinden und damit automatisch die Produktivität der Mitarbeitenden. 
  • Mitarbeitende werden stärker an das Unternehmen gebunden, wenn sie mit den Konditionen zufrieden sind und sich nicht überlastet fühlen.
  • Die hohe Flexibilität der Arbeitszeitgestaltung sorgt dafür, dass Eltern und andere Mitarbeitende mit Verantwortung für andere diese besser wahrnehmen und Privatleben und Beruf gut miteinander vereinbaren können.
  • Durch die Verdichtung entwickeln Mitarbeitende das Gefühl, weniger Zeit zu vergeuden und dadurch eine höhere Produktivität pro Stunde zu entwickeln. Tatsächlich tun sie das auch, die Produktivität und Freude an der Arbeit steigen.
  • Mitarbeitende, die dringende Erledigungen an ihrem freien Tag statt nach der Arbeit machen, haben den Kopf freier und sind entspannter und produktiver. Außerdem müssen weniger Termine wie Arztbesuche oder Behördengänge während der Arbeitszeit getätigt werden.
  • Die 3 freien Tage am Stück wirken erheblich erholender und die Arbeitswoche fühlt sich deutlich kürzer an. Das sorgt für geringeren Stress auch in schwierigen Phasen und reduziert Krankentage und Überlastung.

Nachteile gibt es keine. Allerdings sind wir darauf angewiesen, dass die Menschen in den entsprechenden Positionen ihre Denkweisen ändern, um ein solches Arbeitszeitmodell einzuführen. Außerdem funktioniert mein Arbeitszeitmodell zum Beispiel nicht unbedingt für Menschen, die Erreichbarkeiten innerhalb bestimmter Uhrzeiten sicherstellen müssen, im Schichtbetrieb oder nicht an einem digitalen Arbeitsplatz arbeiten.

Fazit

Aderzeit gibt es zwar schon Unternehmen, die zumindest Teilbereiche dieses Arbeitszeitmodells umgesetzt haben, aber wir brauchen ein großflächiges Umdenken. Wenn du selbst auf Jobsuche bist und dir z. B. die 4-Tage-Woche wichtig ist, bleibt dir nur übrig, gut zu verhandeln, um zumindest 90 % des Vollzeitgehalts rauszuholen. Wenn du für dich selbst deinen persönlichen Life-EQ erstellt hast und dir Word-Life-Balance und Zeit für deine eigenen Projekte oder die Familie wichtig sind, dann ist die Unternehmen vielleicht nicht die richtigen Arbeitgeber für dich, bei denen diese Dinge zu kurz kommen.